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Vortrag von Herrn Generalkonsul SUN Congbin zum Thema „Die aktuelle wirtschaftliche Lage Chinas" gehalten in der Chinesisch-Deutschen Gesellschaft
2015/10/05

Von 2010-2011 habe ich als Vizebezirksbürgermeister im Nankai Bezirk von Tianjin gearbeitet. Deshalb verfolge ich das Geschehen mit besonderer Anteilnahme.

Die gewaltigen Explosionen in einem Gefahrengutlager im Binhai-Bezirk am 12. August haben zahlreiche Tote und Verletzte gefordert. 17.000 Haushalte und 176 Unternehmen sind beeinträchtigt, darunter auch Volkswagen und Airbus Hamburg. Tianjin begann mit Aufräumungsarbeiten und Untersuchungen der Ursache. Viele Verantwortliche wurden ihrer Ämter enthoben, rechtmäßig zur Rechenschaft gezogen und eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um in Zukunft derartige Unfälle zu verhindern. Bürgermeister Huang hofft, dass die betroffenen Firmen am Standort festhalten werden, denn Tianjin mit dem zehntgrößten Containerhafen der Welt, hat nach wie vor großes Entwicklungspotenzial; hier werden mehr Container bewegt als in Hamburg oder Rotterdam.

Aber dies verheerende Unglück hat nicht nur Tianjin, sondern alle Chinesen in Alarm versetzt. Wir müssen darüber nachdenken, was hat das rasche wirtschaftliche Wachstum uns mitgebracht? Die Bruttoinlandsproduktion (BIP) erhöht sich ständig, aber effiziente Strukturen zum Schutz der Bürger und der Umwelt sind wenig mitgewachsen. Überlegen Sie doch bitte einmal einen Moment, ob wir zu viel Wert auf Wachstumstempo gelegt haben? Von dieser Überlegung geht das Schlüsselwort meines heutigen Vortrags aus, nämlich „Wachstum". Es geht um die Schwäche der chinesischen Wirtschaft, sowie die Verlangsamung der Umsatzsteigerung deutscher Unternehmen in China.

Daher möchte Ich Ihnen heute drei Fragen beantworten:

1. Wie ist die aktuelle wirtschaftliche Lage in China?

2. Was hat die chinesische Regierung getan und wird in Zukunft weiter tun, um die Wirtschaft nachhaltig zu entwickeln?

3 .Wo liegen die Kooperationsmöglichkeiten zwischen Deutschland und China in Zukunft?

Zu der ersten Frage „Wie ist die aktuelle wirtschaftliche Lage in China?" möchte ich auf 5 Aspekte eingehen:

Wachstumstempo der chinesischen Wirtschaft
Seit dem vergangenen Jahr verlangsamte sich Chinas Wirtschaftswachstum. Die Erholung der Weltwirtschaft ist allgemein eher schwach. Infolge der RMB-Abwertung und der jüngsten Volatilitäten am Aktienmarkt verstärkten sich Aussagen über die kurz vor dem Zusammenbruch stehende Wirtschaft Chinas oder die Risiken für eine „harte Landung" Viele Deutsche sind besorgter als die Chinesen, der Ruf nach einer Alternative wie z.b Indien ist laut. Ich verstehe das sehr gut, weil die Wirtschaft beider Länder so dicht verflochten ist.

Chinas Wirtschaftsdaten der ersten Hälfte dieses Jahres wurden inzwischen veröffentlicht. Unter innerem und äußerem Druck stieg das Wirtschaftswachstum im größten Entwicklungsland der Welt dann doch um 7%, ein Wachstumstempo, von dem die europäischen Staaten nur träumen können. Mit mehr als 4 Billionen Yuan gleicht das BIP dem Jahr 1994. Nach Prognose der chinesischen Zentral Bank wird ein Anstieg des Wirtschaftswachstums im dritten und vierten Quartal von ungefähr sieben Prozent eingehalten. Von einem Absturz, oder einer lang anhaltenden Krise, wie dies weite Teile Europas bei der Finanz- und Wirtschaftskrise erlebt haben, ist China noch weit entfernt.

Außenhandel
Nach Angaben des chinesischen Handelsministeriums ist das Außenhandelsvolumen Chinas im Juli um 8,8% gesunken. Der Export ist dabei etwas stärker zurückgegangen Das chinesisch-deutsche Handelsvolumen ist in den ersten 7 Monaten um 9,5% gesunken.

Laut Statistiken der WTO für die ersten sieben Monate des laufenden Jahres haben sowohl Industriestaaten als auch aufstrebende Volkswirtschaften einen Exportrückgang verzeichnet. Die Tendenz zur Wiederbelebung der globalen Ökonomie ist schwächer als erwartet, die Auslandsnachfrage nach wie vor unzureichend. Daher darf man nicht allzu optimistisch in Bezug auf die Exportleistung in der zweiten Jahreshälfte sein. Wir sind in einem Boot, wenn es einem nicht gut geht, geht es dem Anderen auch schlecht.

Die chinesische Regierung will neue Wege beschreiten, um ein stabiles Wirtschaftswachstum zu sichern. und durch anhaltende Förderung von Reformen und Anpassung von Wirtschaftsstrukturen die Vitalität des Marktes stimulieren und weiterhin private Innovationen vorantreiben.

Abwertung von RMB
In letzter Zeit hat die Abwertung der chinesischen Landeswährung RMB für Verunsicherung auf den weltweiten Märkten gesorgt. Die chinesische Landeswährung Yuan(RMB) ist innerhalb von 3 Tagen um fast 5% abgewertet worden. Für Europa, dessen Wirtschaftsausblick gerade einmal nicht optimistisch ist, ist dies keine gute Nachricht. Die Abwertung des RMBs bedeutet, dass die chinesischen Verbraucher jetzt für französische Luxus-Produkte, deutsche Autos sowie Uhren aus der Schweiz mehr Geld bezahlen müssen. Manche Experten vermuten, dass dies eine Maßnahme Chinas zur Stimulierung des Exports sei. Es kursierten sogar Gerüchte, wonach der RMB zur Förderung des Exports um zehn Prozent abgewertet werden könnte. Der Vizepräsident der chinesischen Zentralbank und Direktor der staatlichen Devisenverwaltungsbehörde, Yi Gang, hat solche Spekulationen als „völlig unbegründet" zurückgewiesen und ferner betont, China brauche zur Ankurbelung des Exports keine Wechselkursanpassung.

Die Wechselkursschwankungen sind ein zweischneidiges Schwert. Arbeitsintensive Betriebe und Unternehmen mit unmittelbarer Devisenabrechnung könnten davon profitieren. Für die stark vom Import abhängigen Branchen und die Firmen mit zahlreichen Auslandsschulden könnten die Kosten hingegen steigen.

Es ist eine Reformpolitik der Zentralbank, um die marktorientierten Wechselkurse aufzubauen. Chinas gegenwärtige wirtschaftliche Fundamentaldaten sind solide und der Handelsüberschuss erreichte einen neuen Höchststand. Es gibt keine Grundlage für eine weitere Abwertung des RMB.

Volatilitäten am chinesischen Aktienmarkt
Sorgen um eine weitere Abwertung der chinesischen Währung und schlechte Konjunkturaussichten setzten die Kapitalmärkte unter Druck. Trotz massiver staatlicher Eingriffe war die Erholung nur kurzlebig. Anfang September hat China neue Maßnahmen zur Stimulierung des Kapitalmarkts umgesetzt. Dieses Mal hat die chinesische Regierung mehr Wert auf die nachhaltige Entwicklung der Unternehmen gelegt. Die vier zuständigen Verwaltungsbehörden haben gemeinsam die „Kundgebung zur Unterstützung der an der Börse notierten Firmen bei Umbildung und Fusionen, bei Verteilung von Bargeld-Dividenden und Rückkauf von Aktienanteilen" veröffentlicht zur Stabilisierung des Kapitalmarktes.

Der Aktienmarkt in China ist noch extrem jung. Die erste Börse, die Shanghai Stock Exchange, wurde zwar 1891 eröffnet, aber nach vier Dekaden bereits geschlossen. Am 26. November 1990 wurde der Handel in Shanghai wieder aufgenommen. Daher ist der Aktienmarkt in China nicht reif genug.

Meiner Meinung nach ist der Zusammenhang zwischen der Realwirtschaft und dem Aktienmarkt in China viel komplizierter als in westlichen Ländern. Der Aktienmarkt in China ist kein wichtiger Indikator für die Wirtschaftsentwicklung. Aus den Turbulenzen des Aktienmarkts kann man nicht dogmatisch und selbstverständlich eine Schlussfolgerung ziehen, dass die chinesische Wirtschaft abstürzen wird.

Strukturoptimierung der Wirtschaft
Die relevanten Wirtschaftsindikatoren spiegeln einige positive Auswirkungen der wirtschaftlichen Umstrukturierung Chinas wider. Die Entwicklung des Dienstleistungssektors in der ersten Jahreshälfte beschleunigte sich. Dessen Anteil am BIP stieg. um 2,1% gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres. (49,5%). Der private Konsum erreichte die 60% Marke, während der Rückgang beim Energieverbrauch pro BIP-Einheit sich beschleunigte. Auch der Arbeitsmarkt zeigt keine Schwächen. Es werden genügend neue Jobs geschaffen. Mehr als 110 Millionen Chinesen werden ins Ausland reisen, das sind 16% mehr als im Vorjahr. Sie leisten dadurch einen Beitrag zu Stimulierung der Weltkonjunktur.

Zusammenfassend lässt sich sagen: China steht vor vielen ernsten Schwierigkeiten und muss dagegen weiter kämpfen. Aber eine große China-Krise ist nicht in Sicht. Chinas Wirtschaft befindet sich derzeit in einer Phase des vernünftigen Wachstums. Die Wachstumsrate des Landes ist weltweit die höchste. Im Vergleich zu Brasilien, Russland und Europa, in denen die Konjunktur stagniert, ist China noch relativ robust. China mag vielleicht kein Hoffnungsträger oder Erlöser der Welt sein, aber es ist immer noch ein entscheidender Motor der Weltwirtschaft.

„Was hat die chinesische Regierung getan und wird in Zukunft weiter tun, um eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung zu halten?"

Chinas Wachstumsmodell muss auf ein neues Fundament gestellt werden. Die Regierung will die Wirtschaft auf einen nachhaltigeren Kurs bringen: Der Binnenkonsum soll gestärkt, die Exportabhängigkeit verringert werden; die Entwicklung einer fortschrittlichen Produktion und private Innovationen stehen im Vordergrund.

Ende August hat der chinesische Staatsrat über Maßnahmen zur schnellen Entwicklung einer „fortschrittlichen Produktion" beraten lassen. Ministerpräsident Li sieht weltweit eine neue Stufe der wissenschaftlich-technologischen Revolution und einen industriellen Wandel in den verschiedenen Branchen. Viele Staaten wollten an der Spitze der Zukunftsbranchen stehen. Die Produktionsindustrie sei eine wichtige Stütze der chinesischen Volkswirtschaft. Man müsse die Chance am Schopf packen und die Transformation zu einer „intelligenten" Produktion als Schlüsselprojekt betrachten. Diese Optimierung solle Existenzgründungen und Innovationen aus der Bevölkerung als Basis haben, so Li Keqiang.

Li wies ferner darauf hin, ein Erstarken der Bezeichnung „Made in China" sei eng mit einer Vertiefung der Reformen und Innovationen verknüpft. Strategien wie „Made in China 2025" und „Internet plus "müssten beschleunigt umgesetzt werden. Bestehende Probleme, wie die schwache Innovationsfähigkeit, ein niedriger Produktmehrwert, rückständige Verwaltungs- und Kundendienstleistungen und Umweltschäden müssten mit allen Kräften beseitigt werden, sowie stärkere Beschränkungen von Ressourcen beachtet werden.

Mit der kürzlich verabschiedeten „Made in China 2025"-Strategie setzt China die Digitalisierung der Industrie ganz oben auf die Agenda. Es gibt viel Gemeinsamkeit mit der „Industrie 4.0" in Deutschland. Deutschland ist Chinas Referenzmodell für fortgeschrittene industrielle Technologie und Organisationsformen. Was China am deutschen Konzept der Industrie 4.0 fasziniert sind Präzision, Qualität und Zuverlässigkeit. Für Unternehmen in beiden Ländern eröffnet die Umsetzung der zwei Strategien große Geschäftschancen und Kooperationsmöglichkeiten.

Um die Innovationsfähigkeit der kleinen und mittelständischen Unternehmen zu fördern, hat der Staatsrat Anfang September noch eine Maßnahme verabschiedet. Die chinesische Regierung will einen nationalen Fonds in Höhe von 60 Milliarden Yuan (8 Milliarden Euro) zur Unterstützung von kleinen und mittelständischen Unternehmen errichten. Chinas Zentralregierung wird 15 Milliarden Yuan (2 Milliarden Euro) in den Fonds einzahlen. Zum restlichen Startkapital werden staatliche und private Firmen sowie diverse Finanzinstitute und Lokalregierungen beitragen.

China strebt nicht nur Wachstumstempo an, sondern legt. mehr Wert auf die Vitalität des Marktes und private Innovationen Vorher war (die Steigerung des)BIP Hauptaufgabe und Prüfungsstandard der Regierung. Zurzeit gehören zu den Entwicklungszielen auch Qualität, Effizienz, Gerechtigkeit sowie Umweltschutz. Eine nachhaltige Entwicklung ist für China hilfreicher und sinnvoller als Wachstumsraten des BIP.

Schließlich werde ich kurz auf die dritte Themenfrage eingehen und über die Geschäfte von deutschen Unternehmen in China sprechen.

Kein anderes großes Industrieland leidet so wie Deutschland, wenn die Wirtschaft in China schwächelt. Nach Angaben des „Handelsblatt" unterhalten die 30 Dax-Konzerne 672 Tochtergesellschaften in China. Durchschnittlich haben sie 13,3% ihrer Umsätze in China erzielt. Bei vielen liegt der Anteil jedoch viel höher. Daimler erwirkte im vergangenen Geschäftsjahr 10,2% seiner Gesamterlöse in China, bei BMW waren es 18,7%, bei VW sogar 32,3%.

Viele exportorientierte deutsche Unternehmen bekommen Chinas verringerte Wirtschaftsdynamik schmerzhaft zu spüren. Siemens beispielweise verbuchte in der ersten Hälfte des Geschäftsjahres einen um 16% gesunkenen Auftragseingang aus China. Ebenfalls betroffen sind Deutschlands Schlüsselbranchen wie Chemie, Auto und Maschinenbau. Deutsche Unternehmen treten immer mehr mit chinesischen Unternehmen in Konkurrenz. Nach Angaben mancher Unternehmen sind die „fetten Jahre" vorbei.

Für mich spricht all dies für eine Normalisierung des chinesischen Marktes. Zweistellige Wachstumsraten können deutsche Unternehmen nicht für immer erreichen, genauso wie die chinesische Wirtschaft. Der chinesische Markt wird sich mit der Zeit so verhalten wie die Märkte in Europa und USA. Konkurrenz und Kooperation sind allgemeine Themen des Marktes.

Wo liegen die Kooperationschancen zwischen Deutschland und China?

Die Einbahnstraße, auf der deutsche Unternehmen produzieren und in China verkaufen oder deutsche Unternehmen die Innovationen aus dem Westen nach China bringen konnten, ist vorbei. Als die zweitgrößte Volkswirtschaft wird China auch Hochtechnologien entwickeln. In diesem Bereich haben Deutschland und China eigene Vorteile und Stärken.

Deutschland und China befinden sich an den beiden Enden der Seidenstraße. Bei seinem Staatsbesuch im vergangenen Jahr hat Präsident Xi Jinping mit den Begriffen „chinesische Geschwindigkeit"und „deutsche Qualität" die Besonderheiten der beiden Länder sowie deren besondere Beziehungen, sich gegenseitig zu ergänzen, anschaulich beschrieben. Ein weiteres Modelle wäre „deutsche Technologie" und „chinesische Service" usw.

Beide Seiten sollten voneinander lernen und die Zusammenarbeit vertiefen. Gemeinsam zu forschen und zu entwickeln, gemeinsam zu produzieren und gemeinsam andere Märkte anzukurbeln, wird mehr Kooperationsmöglichkeiten für beide Seiten schaffen.

Hier möchte ich die Güterzugverbindung zwischen Hamburg und China als Beispiel nennen. Laut Statistik der China Railway Corporation gibt es insgesamt 10 Güterzugverbindungen zwischen Europa und China. Davon 4 zwischen Hamburg und China. Mit dem Hafen und immer mehr Güterzugverbindungen nach China ist Hamburg der Knotenpunkt der neuen Seidenstraße („One Belt") und der maritimen Seidenstraße des 21. Jahrhunderts („One Road").

Von Mitte Juli bis Mitte August haben Journalisten vom Chinesischen Zentralen Fernsehen (CCTV), in 35 Tagen Weißrussland, Polen, Tschechien, Deutschland, Belgien, Luxemburg besucht und eine Sendungsreihe zu den Themen „One Belt, One Road"-Initiative sowie Güterzugverbindungen zwischen Europa und China produziert.

 

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